Vortrag | »Dilla Time – Perspektiven einer nicht-kolonialiserbaren Zeit«
Vortrag von Dr. Benjamin Sprick und Jan Schlüter beim »Symposium Artistic Research – Reflexive Perspektiven in der Künstlerischen Praxis«, 8–10. Oktober 2026, Hochschule für Musik Karlsruhe
Der Vortrag untersucht die charakteristische Rhythmusästhetik des Hip-Hop-Produzenten J Dilla (1974–2006), der mit digitaler Sampling-Technik eine mikrorhythmische Klangsprache jenseits starrer Raster-Logik entwickelte. Anhand live produzierter Beat-Beispiele (AKAI MPC) sowie mit Bezug auf Gilles Deleuze und Achille Mbembe entfalten die beiden Referenten – selbst erklärte J-Dilla-Fans – ein Konzept »widerständiger« Technologie, die algorithmische Systeme mitdenkt und zugleich unterläuft. Im Zentrum steht die Frage, wie sich wissenschaftliche Distanz und künstlerische Nähe reflexiv verbinden lassen. Bei Abendterminen kann der Vortrag optional in eine gemeinsame Listening Session übergehen.
Abstract
Der US-amerikanische Hip-Hop-Produzent James Dewitt Yancey aka J. Dilla (1974–2006) aus Michigan, Detroit entwickelte in seinem kurzen, aber außerordentlich einflussreichen Schaffen mithilfe digitaler Sampling-Technologien eine mikrometrische Klangästhetik, die den Rasterlogiken digitaler Musikproduktion bewusst entgegenarbeitet, um sie gerade dadurch produktiv zu überschreiten. Dillas Beats erzeugen eine charakteristische Form musikalischer Zeitlichkeit, in der Präzision und Imperfektion, maschinelle Rationalität und Körperlichkeit, Zufall und Kontrolle untrennbar ineinandergreifen. Für diese spezifische Form rhythmischer Organisation hat sich – insbesondere im Kontext der Jazzforschung – der Begriff der »Dilla Time« etabliert. Doch was genau bezeichnet Dilla Time? Wie lässt sie sich epistemologisch fassen? Und welche Impulse gehen von ihr für musikästhetische, medientheoretische und künstlerisch-forschende Zugänge aus?
Der Beitrag entwickelt eine auf J Dillas Werk zugeschnittene Spielart von Artistic Research, um aus live produzierten Beat-Beispielen (mit dem Sequencer AKAI MPC) tragfähige musikästhetische Konzepte zu gewinnen. Im Zentrum stehen dabei einerseits Gilles Deleuzes Begriff des (musikalischen) Zeit-Bildes, andererseits Überlegungen aus Prof. Achille Mbembes Kritik der schwarzen Vernunft. Aus ihrer Verbindung entsteht eine begriffliche Skizze widerständiger Technologie, die algorithmischen Systemen gegenüber gleichermaßen anschlussfähig wie unverfügbar bleibt. »Künstlerische Intelligenz« wird dabei als eine Form nicht vollständig berechenbarer Praxis innerhalb latent kreativer Räume verstanden.
Besonderes Augenmerk gilt dabei der im Titel der Konferenz formulierten Forderung nach einer reflexiven Forschungspraxis. Beide Referenten sind bekennende Fans J Dillas und reflektieren gemeinsam mit dem Publikum die Frage, wie sich wissenschaftliche Distanz und künstlerische Nähe produktiv miteinander vermitteln lassen, ohne die ästhetische Eigenlogik des Gegenstands zu nivellieren. Findet der Vortrag am Abend statt, kann er auf Wunsch in eine gemeinsame »Listening Session« übergehen, in der die entwickelten Überlegungen anhand ausgewählter Beispiele aus J Dillas Œuvre hörend weitergeführt und diskutiert werden. Die Kuration der Tonträger und die künstlerische Performance passiert seitens der beiden Vortragenden.

